Die sanften Künste

Qigong, Xingyi, Bagua und Taiji

Taiji

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Bei Taiji hat man sofort den Eindruck, eine sanfte Bewegungskunst zu sehen und es gilt meines Erachtens zu Recht und ohne Übertreibung als die schönste der sanften Künste.
Als Zuschauer wird man sehr schnell von dem leichten und sanften Fluss der Bewegungen gefangen genommen und nur mit sehr viel Fantasie kann man sich dabei einen Kampf auf Leben und Tod vorstellen. Man glaubt, einem verträumten Ballett zuzuschauen, in dem der Tänzer in Zeitlupe ein wunderschönes Märchen erzählt. Auch wenn man manchmal eine Faust erkennt, dann wieder wie zu Dolchen gespitzte Finger oder ein angehobenes Bein, alles im Grunde genommen Gesten, die durchaus auf Kampfhandlungen hindeuten, so sieht doch nichts bedrohlich aus. Alle Bewegungen lösen sich sofort wieder auf und gehen nahtlos in eine andere über.
Wie verwurzelt steht der Taijikämpfer auf dem Boden, bewegt er sich, so sind seine Schritte zugleich kraftvoll und leicht. In einem Kampf konnte ein Taijimeister nicht nur sanft und weich wie eine Daunenfeder sein, sondern bei einem Schlag oder Tritt geradezu explodieren und so hart wie Stahl werden. Dann wieder wurde er ruhig wie ein Berg, um aus dieser Ruhe heraus blitzschnell auf Angriffe eines Gegners zu reagieren.
Heute denkt kaum jemand bei Taiji an Selbstverteidigung, obwohl es in den Anfängen tatsächlich nichts anderes war.
Natürlich gibt es auch hier viele Legenden über die Entstehung. So besagt eine z.B., dass ein Mönch bei seiner Meditation einen Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich beobachtet haben soll. Der Kranich versuchte, der Schlange mit kraftvollen Schnabelhieben und Fußtritten beizukommen. Sein eigener Schutz bestand aus schnellen und kreisenden Flügelbewegungen. Aber die Schlange wich allen seinen Attacken geschickt aus, sie bewegte sich kaum und wartete nur auf eine Blöße ihres Gegners. Der Überlieferung nach soll sie den Kampf gewonnen haben. Die Beobachtung der Tiere soll diesen Mönch auf die Idee gebracht haben, eine Kampfkunst des Nachgebens und der Sanftheit zu entwickeln, die es erlaubte, einen Gegner mit minimaler Kraft zu besiegen.
Als älteste Stilrichtung gilt der Chen-Stil. Typisch für ihn sind die zum Teil sehr schnellen Sequenzen, die sich immer wieder mit langsamen Bewegungsfolgen abwechseln. Schnelle Drehungen und hohe Sprünge aus tiefen Stellungen heraus lassen den Zuschauer eine ganz andere Dynamik und Spannung spüren, als dies bei einer jüngeren Richtung der Fall wäre.
Aus dem Chen-Stil entwickelten sich der Yang- und der Wu-Stil, die beide nach außen hin schon sehr gemäßigt und verinnerlicht aussehen. Beide Richtungen verzichten deutlich auf die sichtbare Dynamik und zeichnen sich durch ein gleichmäßig, ruhig dahinfließendes Tempo aus. Aus dem Wu-Stil haben sich noch der Li- und der Sun-Stil entwickelt, damit möchte ich es aber auch schon, was die Entstehung der fünf Hauptrichtungen anbelangt, bewenden lassen.
Inzwischen hat sich die Anzahl der Stile vervielfacht und einige bieten heute langsame Formen mit Waffen an, also z.B. mit Schwert, Säbel, Lanze, Speer, Fächer oder Stock.
Nur Folgendes dürfte vielleicht interessant sein: alles, was man über die Entwicklung der bekanntesten Formen weiß, lässt sich gerade einmal 300 Jahre zurückverfolgen und der bei uns bekannteste Stil, der Yang-Stil, ist in der heute praktizierten Form keine hundert Jahre alt. Obwohl gerade bei diesem sehr oft mit einer authentischen Form geworben wird, fühlen sich dennoch viele dazu berufen, die Abläufe ständig zu ändern.
Meiner Meinung nach liegt die Authentizität ausschließlich bei dem Ausübenden, der immer wieder mit seinem Tun eine neue Form schafft, und sei sie auch nur um Nuancen anders als beim letzten Üben.

Written by Ingo

Juli 1st, 2011 at 12:59 pm

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