Die sanften Künste

Qigong, Xingyi, Bagua und Taiji

Xingyi

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Möchte man beim Qigong über die Zugehörigkeit zu den sanften Künsten durchaus noch diskutieren, so erübrigt sich das, auch für einen Laien leicht erkennbar, beim Xingyi. Zu stark ist hier einfach der kämpferische Eindruck. Und dennoch erscheinen einem Betrachter die Bewegungen fremd und nicht mit dem vergleichbar, was wir uns unter einem Kampf vorstellen.
Aber werfen wir kurz einen Blick auf das Umfeld, in dem solche faszinierenden Bewegungsformen entstehen konnten.
Auch im alten China hatten, wie in vielen anderen Kulturen, Sammler- und Jägergemeinschaften die größten Überlebenschancen. Ackerbau und Viehzucht waren zu dieser Zeit nahezu unbekannt. Da man vollkommen von den Geschehnissen der Umwelt abhängig war, entwickelte sich eine tiefe Vertrautheit mit der Natur. Ihr genaues Beobachten und das Erkennen kleinster Veränderungen waren oft die einzigen Garanten für das Überleben einer Gruppe. Das Leben mit und in der Natur und die totale Abhängigkeit von ihr hatten zur Folge, dass in allen Naturereignissen, ja in dem gesamten Lebensraum, der für den täglichen Bedarf in Form von Nahrung, Kleidung und Waffen zur Verfügung stand, Wesen gesehen wurden, die eben nicht nur aus Materie bestanden, sondern auch eine Seele besaßen. Insoweit gab es sicher keine großen Unterschiede zu anderen Kulturkreisen.
Und doch war es gerade in China, wo diese besonders enge Bindung zur Natur auf der einen und das Erkennen der eigenen Stellung darin auf der anderen Seite zum Taoismus führte. Und mehr als irgendwo anders verstanden sich hier die Menschen mit allen ihren Sinnen und Gedanken als Teil der Schöpfung.
Was lag also näher, als sich von der Natur bei der Entwicklung neuer Kampftechniken inspirieren zu lassen. Die wichtigste Erkenntnis dabei war, dass das Weiche auf Dauer das Harte überwindet und das Schwache dem Starken immer überlegen sein wird. Die unvergleichliche Nachgiebigkeit und die auf Dauer wirkende Härte des Wassers, die Ruhe eines Berges, Bambus, der sich wieder aufrichtet wenn der Schnee von den Blättern gleitet, sich im Wind wiegende Gräser oder die Leichtigkeit eines fliegenden Kranichs, das alles sind Bilder, die in vielfältigen Variationen immer wieder bei den sanften Künsten auftauchen. Und es gibt unendlich viele überlieferte Geschichten, in denen Kaiser und Fürsten, Nonnen und Mönche, Bauern und Bettler kämpfende Tiere beobachtet und daraus höchst wirksame Angriffs- und Verteidigungstechniken entwickelt haben.
In dem Augenblick, in dem er die sanften Künsten praktiziert, lässt der Ausübende das Universum wieder neu entstehen, und er ist, zwischen Himmel und Erde stehend, Teil der Schöpfung und ist mit sich und seiner Umgebung in Harmonie.
An das alles sollte man sich erinnern, wenn man zum Beispiel eine Demonstration der sanften Künste sieht oder gar selbst eine davon ausübt.
Die fünf Grundtechniken des Xingyi leiten sich von den fünf Elementen Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall ab. Man muss sich die fünf Elemente im Kreis angeordnet vorstellen und je nach seinem Yin, also Schwäche-, und Yang, seinem Stärkezustand verändert sich das entsprechende Element zu einer anderen und neuen Qualität von Energie. In diesem Zusammenhang spricht man auch von den fünf Wandlungsphasen, um damit anzudeuten, dass es sich nicht um etwas Statisches handelt, sondern um aktive dynamische Prozesse, die in allen natürlichen Vorgängen zu finden sind. Bei den Techniken handelt es sich um grundsätzliche Arm- und Beintechniken, die mit genau festgelegten Schritten und Drehungen vorgetragen werden.
In völliger Übereinstimmung mit der Lebensart und Lebensweisheit des Taoismus muss man die Bewegungen der zwölf Tiere verstehen, die in einem fortgeschrittenen Stadium unterrichtet werden.
Die zwölf Tiere sind: Adler, Affe, Bär, Drache, Falke, Huhn, Kranich, Schildkröte, Pferd, Schlange, Schwalbe und Tiger.
Damit Sie einen kleinen Eindruck von Xingyi bekommen, möchte ich Ihnen zwei typische Tiertechniken vorstellen. Wenn Sie also erleben möchten, wie man sich als Tiger oder Adler fühlt, dann versuchen Sie, die abgebildeten Stellungen einzunehmen und einige Sekunden zu halten.

Written by Ingo

Juli 1st, 2011 at 12:59 pm

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